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Mein Großvater und die Wünschelrute

Um den Wiederaufbau des im Krieg ( 1944) abgebrannten Hauses in der Hofholzallee finanzieren zu können, verkauften meine Großeltern 1952 ein seit 1914 als Garten genutztes Grundstück in der Hofholzallee.
Ich erinnere mich noch sehr gut an den wehmütigen Blick meines Großvaters auf seinen ehemaligen „großen Garten“, als die Baugrube - damals noch mit Schaufel, Spaten und Schubkarre – ausgehoben wurde.
Am Nachmittag des dritten Tages war es soweit, dass der Keller abgesteckt und ausgehoben war. Die Stahlmatten für die Sohle waren verlegt, damit am nächsten Morgen das Fundament mit Beton geschüttet werden konnte. Und eigentlich war Feierabend für die Arbeiter, wenn da nicht mein Großvater - mit mir im Schlepptau - mit seiner Wünschelrute gewesen wäre.
Mit einer Wünschelrute?
Ein gebogener Draht in Y–Form, mit zwei Griffen aus Haselholz , uralt , aber scheinbar mit magischen Kräften.
Mein Großvater ging - die Wünschelrute in merkwürdig 'verdrehten' Händen haltend - auf die Baugrube zu, und immer wieder ruckte und zuckte die Wünschelrute mit dem Drahtbügel nach oben oder unten, einige Schritte blieb sie ruhig, dann wieder ein Ausschlag, direkt in Richtung auf die Baugrube zu. An dieser Stelle blieb mein Großvater stehen und versuchte die Arbeiter darauf hinzuweisen, dass genau in Richtung Baugrube eine Wasserader verlaufe.

„Eure Baugrube wird morgen früh randvoll mit Wasser stehen, wenn ihr keine Pumpen aufstellt!“

Mein Großvater erntete nur Spottgelächter von den Arbeitern, die über eine Leiter aus der Baugrube stiegen und sich den Lehm von den Stiefeln kratzten.

„Du olen Klokschieter mit dinen Wunschknüppel, wenn dat Lock morgen vull Water steiht, denn kannst du ja dorin swimmen, morgen , Klock söben, kümmt de Beton för dat Fundament und nu is Fierabend!“
(„Du alter Klugscheißer mit Deiner Wünschelrute, wenn die Grube morgen voll Wasser steht, kannst Du ja darin schwimmen , morgen , um sieben Uhr, kommt der Beton für das Fundament und jetzt ist Feierabend !“)

Kopfschüttelnd räumte mein Großvater das Feld und nuschelte mehr zu sich selbst als zu mir:
„Wartet man ab, morgen früh lacht ihr nicht mehr, wer zuletzt lacht, lacht am besten, ihr Klokschieter!“

Am nächsten Morgen - ich glaube, so früh war mein Großvater selten auf den Beinen - stand er neben der Baugrube, die Hände in den Hüften, und mit einem hämischen Grinsen im Gesicht rief er den ratlosen Bauarbeitern zu:
„ Und nu ?!“

Die Baugrube stand randvoll mit Wasser.

Kurze Zeit später rollten zwei Laster mit Fertigbeton für die Kellersohle an. Die mußten aber wieder abrücken, weil mein Großvater mit seiner Warnung über die Wünschelrute doch Recht - oder Glück - gehabt hatte.
Die Baugrube wurde über mehrere Pumpen trocken gelegt, trotzdem konnte erst am nächsten Tag die Kellersohle gegossen werden.

Das auf diesem Fundament 1952/53 gebaute Haus steht trotz der Wünschelrutenwarnung meines Großvaters heute immer noch auf dem 'Trockenen' .

Dass sich in diesem Gebiet tatsächlich wasserführende Bodenschichten befinden, war deutlich an den vielen kleinen Naturteichen – inzwischen zugeschüttet – zu erkennen, die sich vom Gelände der ehemaligen Gärtnerei Wittmaack über die Grundstücke Hofholzallee 69 über den Voßhorst ( früher 'Niklas' Duncklau) bis zur Hofholzallee 79 hinzogen.

Ein weiterer Nachweis für diese wasserführenden Bodenschichten ist ein von mir in der Hofholzallee 69 im Jahr 1970 gegrabener Brunnen ( 4 m Tiefe), der bis heute - selbst in trockenen Sommern - nie ohne Wasser war.

 

Hans-Peter Dehn , Kiel im Dezember 2010