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Aus der Geschichte Hasseldieksdamms: Die Gaststätte "Waldeck"

(Autor/Quelle: Werner Jensen,  Hasseldieksdammer Rundbrief 1/2003)

Heute ist es nichts Besonderes vom Wilhelmplatz nach Hasseldieksdamm zu gelan­gen. Vor hundert Jahren, als es noch keine Busse und Ampeln gab, wanderten Kieler Bürger aus der schnell wachsenden Marine- und Universitätsstadt auf einem hügeligen Sommerweg vom Wilhelmplatz westwärts in das nahe Waldgebiet des Dorfes Hasseldieksdamm. Sie kamen kurz nach Pas­sieren der Kiel-Flensburger Eisenbahnlinie (eingeweiht am 1.7.1881) und des Bahnwärterhäuschens (errichtet 1886) in einer scharfen Links­kurve (die Hofholzallee gab es erst ab 1912) in das erste Gehölz, den Uhlenkrogwald. In dieser Kurve, wo heute die Raphael-Kirche steht, ließ um 1900 der Zimmerer Fritz Dahl, ein Sohn des Waldesruh-Gastwirts Hans Dahl, zunächst eine kleine alkoholfreie Erfrischungsgaststätte mit dem Namen "Waldeck“ erbauen. (Fritz' Schwester Dora heiratete den Gastwirt Friedrich Arp, der 1902 „Waldesruh“ modernisierte; es kam also zu einem familiären Wettstreit unter Schwägern.) So gelangte auch das neue "Waldeck“-Lokal in die Dahlsche Großfamilie.

Dieses Lokal entstand letztlich als Konkurrenz zur Gaststätte "Julienlust“, die in der Mitte zwischen den beiden, „Wal­desruh" und "Waldeck", gelegen war. Der Eigentümer und nun auch Gastwirt Fritz Dahl ließ 1911 ein modernes Etablissement mit Tanzsaal und Kegelbahn unter teilweiser Einbeziehung der Erst­gaststätte durch die gegenüber liegende Baufirma und Zimmerei Hans Arp (Hofholzallee 28) errich­ten und bekam dann die Schank­erlaubnis auch für alkoholische Getränke. Er heiratete Maria Göttsch, die ihm als einziges Kind die Tochter Christine gebar. Christine Dahl heira­tete in den 20iger Jahren Frank Ihlenfeld, der dann über eine lange Zeit als erfolgreicher Gastwirt agierte.

„Waldeck“ entwickelte sich zum führenden Lokal Hasseldieksdamms, in dem ein Treffpunkt für manche Verbände und Vereine, z.B. auch für die Ortsgruppe Hassel­dieksdamm in den 30iger Jahren, entstand. Während des 2. Weltkrieges wurden Werksangehörige der Kieler Rüstungsfirma „Hagenuk“ dort und in einem einfachen Flachbau aus Kalksandstein, hinten am Walde gelegen, untergebracht. In der Nacht vom 16./17. August 1944 griffen 300-400 britische Flugzeuge Kiel an und trafen bei guter künstlicher Vernebelung mehr die Vororte, u.a. Hasseldieksdamm. Die Gast­stätte "Waldeck“ wurde durch Spreng- und Brandbomben (Luftmine?) total zerstört.

Nur von der nach hinten ausgebauten Doppel­-Kegelbahn und dem am Wald gelegenen Flachbau blieb so viel übrig, daß daraus noch im Kriege Notwohnungen entstehen konnten. Nach der Kapitulation wurden hier Ausgebomb­te und Flüchtlinge eingewiesen. Hier wohnte auch der erste Hasseldieksdammer Gemeinde­pastor Hans Schultze bis zur Errichtung des neuen Pastorats vor der Erlöserkirche 1958/59. Der Grund und Boden mit seiner 6000 m2 Größe wurde nur mit diesen Unterkünften langfris­tig nicht ausreichend wirtschaftlich genutzt. Die Wankendorfer Baugenossenschaft kaufte das gesamte Grundstück. Nach vielen Verhandlungen erwarb 1980 „Die Christengemeinschaft“ (Bewegung für religiöse Erneuerung, gegründet 1922) das große Grundstück. Ihr bisheriges Haus in der Beselerallee 16 (seit 1938) war nach dem Kriege viel zu klein für die wachsende Kieler Gemeinde geworden. So kam es dann in den Jahren 1981-84 zur Bauplanung eines Gotteshauses. Die Waldorf­-Schule war bereits in den Jahren 1973/74 auf der gegenüberliegenden Seite der Hofholzallee entstanden.

Die Grundsteinlegung für die Raphael-Kirche erfolgte am 2.9.1984, die feierliche Einweihung am 22.9.1985. Die mit viel Holz und natürlichen Baumaterialien und Farben gestaltete Kirche lohnt ei­nen Blick in das Innere und in die Nebenräume. Beim Einrichten der Baustelle entdeckte man den alten funktionsfähigen Brunnen wieder. Auch standen 4 stattliche große Bäume auf dem östlichen Teil des Grundstücks im Wege, die die Bauplanung einschränkten. Eine Ulme und eine Linde wurden nach Absprache mit dem städtischen Gartenamt dabei geschont. Es ist heute nach dem großen Ulmen­sterben in Schleswig-Holstein etwas Besonderes, daß diese gewaltige Ulme bisher nicht von den verheerenden Krankheiten befallen ist, wie sonst überall im Lande. Vielleicht liegt es an der guten Betreuung und Pflege durch die jetzigen Besitzer.

[Text/Bild-Quellen: Kieler Stadtarchiv, Hauke Hansen, Wolfgang Gädeke, Verfasser: Werner Jensen]