Printversion

Aus der Geschichte Hasseldieksdamms: Die Gaststätte "Waldesruh“

(Autor/Quelle: Werner Jensen,  Hasseldieksdammer Rundbrief 2/2002 und 3/2002)

Im Jahre 1802, am 9. Oktober, erhielt der Rademacher Hans Hinrich Kähler von der dänischen Königlichen Rentekammer die Schankge­rechtigkeit, nachdem er im Jahre 1773 als Instenkätner eine alte Kate mit einem Kohlhof (kleiner Garten, Martenshofweg 2/4) gekauft hatte; denn der Vorbesitzer hatte sich gegenüber die noch heute vorhandene größere Kate Martenshofweg 3 neu erstellt. Die kleine alte Insten-Kate gab dem Besitzer wenig Erwerbsmöglichkeit. Da der Uhlenkrog als Gaststätte nicht mehr florierte, versuchte er eine Wirtsstube in seiner Kate einzu­richten, die ihm am 9.0ktober 1802 genehmigt wurde. Er führte den Schankbetrieb bis zu seinem Tode, er starb als Krüger über 70jährig und war kinderlos. Das Wirtshaus mit dem Hof wurde 1820 von seinen Erben verkauft an Max Hinrich Dahl, der seinen Sohn, den Schuster Johann Hinrich Dahl, dort einziehen ließ und der dann die Schankgenehmigung erhielt. Über 100 Jahre blieb die Gaststätte in Besitz der Familie Dahl. 1842 wurde das kleine Katengebäude erweitert und ein Tanzsaal an­gebaut. Am 23.11.1867 übergab er den "Pannkokenkrog", wie das Gasthaus von den Kieler Studenten und Bürgern genannt wurde, an seinen Sohn Hans Hinrich Dahl, der mit der Tochter des Russeer Krügers Anna Christina Mordhorst verheiratet war. Auch diese Mutter Dahl backte vorzüglich Pfannkuchen und wurde berühmt in Stadt und Land.

Die Gemeindeversammlungen des Dorfes Hasseldieksdamm fanden stets im Dahlschen Gasthaus statt. Zur Gemeindeversammlung gehörten männliche Grundeigentümer (Hufner, Kätner, Instenkätner u.a.), insgesamt etwa 25 Personen. Gemeindevorsteher war in der preußischen Zeit zunächst der Kätner Max Büll, ab 1899 der Hufner Hans Dahl (Hof neben der Gastwirtschaft an der Melsdorfer Straße), nicht zu verwechseln mit dem Gast­wirt Hans Dahl. Aus den Protokollen der Gemeindeversammlungen gäbe es vieles zu berichten (Einstellung eines Nachtwäch­ters, Anschaffung einer Feuerwehrspritze u.a.). Interessant ist die Beschlußfassung einer Ordnung zur Erhebung einer Lustbarkeitssteuer im Bezirk der Gemeinde: z.B. §1.1 Für die Veranstaltung einer Tanzbelustigung a) wenn dieselbe bis längstens 1Uhr nachts dauert: 4.00 Mark, b) wenn sie über 1 Uhr nachts hinaus dauert 5,00 Mark, c) wenn dieselbe von Masken besucht wird bis 1 Uhr, Polizeistunde 4,00 Mark, wenn über 1 Uhr 5,00 Mark oder §1.9 Für öffentliche Belustigungen der vorher nicht gedachten Art, insbesondere für das Halten eines Marionettentheaters, für das Vorzeigen eines Panoramas, Wachsfigurenkabinetts, Museums für den Tag --1,00 Mark usw. Diese Gemeindeordnung zur Erhebung der Lustbarkeitssteuer wurde am 30.10.1894 nach § 106 der Landgemeindeordnung von 1892 im Dahlschen Gast­haus von der Versammlung beraten und beschlossen und wurde am 1.4.1895 wirk­sam.

Im Jahre 1902 verkaufte Hans Hinrich Dahl den Pannkokenkrog an seinen Schwie­gersohn Friedrich Arp, der die Tochter Dora geheiratet hatte. Er war gelernter Gastwirt und bisher Inhaber des Lokals "Post“ in Plön. Arp ließ alles total umbauen und gab dem einstöckigen Reetdachhaus das heute noch er­kennbare Aussehen: zweistöckiger Fachwerkbau mit Turm und rotem Pfannendach. An die Stelle der dumpfen und engen Bauernwirt­schaft, die mit Recht den Namen eines Kruges führte, wie die Kieler Zeitung vom April 1902 berichtete, trat nun das „Etablissement Waldesruh“ , das mit den damaligen Errungenschaften der Neuzeit ausgestattet sei, wie Doppelkegelbahn, Schießstand, Gar­tenwirtschaft, Spielwiese mit Karussell, Fischteich und Tierzoo, vergrößertem Fest­saal, einem kleinem Saal und 16 Fremdenzimmern. Für den Wagenverkehr wurde eine Durchfahrt und ein geräumiger Pferdeplatz eingerichtet. Das ganze Etablisse­ment wurde mit einer elektrischen Lichtanlage versehen, die durch die von Herrn Arp ins Leben gerufene Elektrizitätszentrale "Hasseldieksdamm-Julienlust-Kronshagen" von Dynamomaschinen gespeist wurde. Am 17. März 1903 bekam Arp vom Amt Kronshagen die Konzession für einen Gast-, Schank-, Tanz- und Hotelbetrieb und eröffnete sein Lokal mit einem festlichen Tanzabend. Vor und im 1. Weltkrieg war Waldesruh ein beliebtes Marine-Ausflugs-Tanzlokal. Gegenüber, Martenshofweg 1, ließ Arp die dortige Villa als Altenteil für die Familien Arp und Dahl errichten. Da Arps Söhne das Geschäft nicht übernehmen wollten, verkaufte er als 57-jähriger 1926 Waldesruh an Willi Bruhn.

Willi Bruhn, der 1926 "Waldesruh“ kaufte, war nur 2 Jahre Besitzer, dann übernahm er den Alsterpavillon in Hamburg. Anschließend er­warb Alfred Biberach “Waldesruh", ein ehemaliger bekannter Schau­spieler, der die Wirtschaft vom März 1928 bis zu seinem Tode am 8.1.1951 leitete. Biberach steckte sein ganzes Vermögen in die Wirt­schaft, wollte den Tanzbetrieb vergrößern und renovierte das Inventar, im Garten in den Zoo setzte er Affen und Papageien. Im Kaffeegarten entstanden kleine gemauerte Nischen mit Sträucherhecken. Das Geschäft lief das ganze Jahr hindurch gut. Neben Vereins- und Kinderfesten, besonders zu Pfingsten, stellte die Marine die Hauptkundschaft, besonders beim Tanzen. Im 2. Weltkrieg wurden Soldaten der Flak im Hotel untergebracht, um in Hasseldieksdamm Sperrbal­lons gegen Tiefflieger und Nebeltonnen zur Verschleierung der Stadt zu bedienen. Nach Kriegsende besetzten Engländer das Hotel. Biberachs mußten in die Nachbar­schaft auf den Hof Dahl umziehen.

Nach dem Abzug der Engländer 1947 wurde viel renoviert. Zur ersten Tanzveranstal­tung nach dem Kriege hatten Biberachs eine Kapelle der Post geordert. Es gab selbst gebackenen Kuchen am Buffet. Der Andrang zu den Tanzvergnügungen war sehr groß. Zum Pfingstfest hatte man 19 Kellner bestellt, 9 für die Innenräume und 10 für den Garten. Drinnen spielte die Kapelle der Post und draußen gab's ein Gartenkon­zert. Nach dem Tode von Herrn Biberach 1951 übernahm seine rührige Frau Johanna den Betrieb mit 2 Schwestern und ihrer Nichte Frau Hildebrand. Den kleinen Saal ver­pachtete Frau Biberach seit 1951 an die nach dem Kriege gegründete Kirchengemeinde Hasseldieksdamm. So fand jeden Sonntag bis zum 29. September 1957 dort Gottes­dienst statt, als Orgel diente ein kleines Harmonium. Nachmittags war dann Tanz im großen Saal. Die Lager­räume und Schuppen verpachtete sie an eine Reitschule, die dort ihre Stallungen einrichtete.

Im Herbst 1957 kaufte Eduard Birke die Gastwirtschaft und eröffnete das Tanzlokal "Waldesruh“ zu Sylvester des glei­chen Jahres. Zur Eröffnung schickten die Nortorfer Stammgäste seines vorherigen Lokals ein lebendes Glücksschwein, verpackt in einer Kiste, die in der Küche abgestellt wurde. Der gewaltsame Ausbruch dieses Ferkels stiftete große Verwirrung, besonders unter den tanzenden Gästen im Saal. Dennoch hat das Schwein der Familie Birke Glück gebracht.

Bald ließ Herr Birke umfangreiche Renovierungsarbeiten in allen Räumen aus­führen. Als erstes wurden die alten Eimertoi­letten durch moderne Sanitäranlagen er­setzt. Zum ersten Pfingstfest 1958 kamen dann ab 6 Uhr morgens bereits die ersten Gäste. Der Saal, für 400 Personen konzipiert, war schnell überfüllt. Draußen spielte ein Orchester der Bundesbahn, drinnen eine Tanzkapelle. Es waren wohl tausend Besucher. Abends wurde unter Lampions und bunter Beleuchtung weiter gefeiert. Nach mehreren Jahren als Tanzlokal am Wochenende und Versuchen mit modernen Tänzen wie Twist, um mit der Zeit zu gehen, verlegte Herr Birke seit 1965 sich mehr auf den Hotelbetrieb, kaufte westliche Landflächen dazu und mußte dafür das Teich­gelände für den Bau der Verlängerung der Hofholzallee an die Stadt abgeben. Ange­regt durch die Lage in der Nähe der Autobahn ließ Herr Birke die ersten Hotelzimmer einrichten, nachdem die Biberach-Schwestern ausgezogen waren und die Kegelbahn sich zu Wohnungen umbauen ließ. Als der Bau weiterer 10 Zimmer fertig gestellt war, reichte er den Konzessionsantrag ein und so wurde das „Tanzlokal Waldesruh“ um­getauft in „Hotel Waldesruh“. Im gemütlich renovierten Saal veranstaltete er Tanz für die reifere Jugend.

Im Jahre 1971 wurde dann das Hotel aus Altersgründen an die Firma „Spiegelblank“ verpachtet und die Gaststätte als Kantine an den Reitverein Roßgarten. Gleich­zeitig begann die Planung für den Neubau des Hotels "Birke-Waldesruh“, das am 1.11.1973 eröffnet wurde. Dieses Hotel übernahm am 1.1.1979 sein Sohn Rai­ner Birke mit 20 Zimmern. Die Gaststätte „Waldesruh"' wurde vom 1.3.1979 bis zum 1.8.1988 an die Holsten-Brauerei verpachtet. Anschließend wurde das Restaurant „Waldesruh“ mit neuer Konzeption renoviert und wieder verpachtet, zuletzt an Norbert Dünne. Rainer Birke, als Eigentümer, widmet sich ganz dem Hotelausbau mit zur Zeit 68 Zimmern. Das „Hotel Birke“ hat inzwischen als 4-Sterne-Hotel einen guten Ruf weit über die Landesgrenzen hinaus. Wir blicken am 9. Oktober dieses Jahres zurück auf eine 200jährige Vergangenheit der Gaststätte.

[Text-/Bild-Quellen: Kieler Stadtarchiv, Rainer Birke, Hauke Hansen. Verfasser: Werner Jensen]